Udo war so frei, sich einige Minuten von seiner heißgeliebten Arbeitszeit im schönen Rumänien ab zu knabbern, um uns alle ein wenig zu unterhalten.
Ich selber werde hoffentlich dieses Wochenende wieder mit einem Artikel aufwarten können, der euch mit absoluten Neuigkeiten meinerseits in die Stühle fesseln wird.
Vor die Lektüre des Zimmermannschen Kurzberichtes beginnt, möchte ich nochmals auf mein Gästebuch und RezepteForum aufmerksam machen, da es immer wieder interessant ist, mal zu sehn, wer sich so rumtreibt auf meinen Seiten.
Adios,
Clemens
„Expedition ins Bierreich“ oder „Wie verpackt man Backsteinkäse?“ - Ein Artikel von Dipl. Braumstr. Udo Zimmermann, unlive aus Edinburgh
Nun also der versprochene „Korrespondenzbericht“ von meiner Reise nach Schottland. Das Ganze ging etwas kurzfristig los, als ich in Rumänien gefragt wurde, ob ich gerne Urlaub hätte. Natürlich hatte ich das.
Da ich regelmäßig mit Clemens „videotelefoniere“, wusste ich, dass Besuch bei ihm immer willkommen ist. So fragte ich nach, ob es denn im Moment reinpasst und nach seiner positiven, wenn nicht enthusiastischen Rückmeldung, buchte ich noch in Rumänien meinen Flug nach Edinburgh. Mit einem Wochenende Zwischenstop in Ochsenhausen bzw. Kempten flog ich dann am 04. Dezember in Richtung Nordnordwest.
Aufgrund der detaillierten Beschreibung von Clemens kam ich wohlbehalten in „Downtown-Edinburgh“ an. Die anderen Reisenden im Flughafenbus waren allerdings nicht sonderlich begeistert von meiner Anwesenheit und rückten immer weiter weg von mir. Der Backsteinkäse, den ich Clemens als Überraschung mitbrachte war vom Transport im Frachtraum des Fliegers unterkühlt und in der warmen Umgebung des Busses begann er seinen wahrhaft elysischen Duft zu verströmen.
Gut, für in kulinarischen Fragen unerfahrene Schotten und andere Ignoranten mag es nach sehr, sehr lange nicht gewaschenen Füßen gerochen haben, aber die wissen einen Rahmromadur mit 50% Fett in der Trockenmasse einfach nicht zu schätzen.
Zwei Tüten und etwa 10 Meter Frischhaltefolie sind nicht in der Lage das unglaubliche Aroma dieses phänomenalen Weichkäses zu bändigen.
Bei meiner nächsten Missionsreise in die gastronomische Diaspora, nach Münster, ließ ich den Romadur geruchsdicht und aromaversiegelt einschweißen.
Beim zweiten Mal ist man immer klüger.
Wie gesagt, ich fand mich also in der Innenstadt von Edinburgh wieder und wurde von Clemens am Bus abgeholt. Damit begann die „Expedition ins Bierreich“.
In einem sehr gemütlichen Pub namens „Jekyll and Hyde“ tranken wir ein wunderbares, kühles Ale (obergäriges Bier). Herrlich.
In diesem Pub wird die Suche nach dem Klo zum Abenteuer, da die Tür ein künstliches Bücherregal ist. Überhaupt ist diese Lokalität wirklich cool dekoriert, man meint wirklich im Haus eines verrückten Wissenschaftlers zu sein.
Nach diesem Willkommenstrunk nahmen wir einen Bus nach Silverknowles um erst mal mein Gepäck abzustellen. Als wir das erledigt hatten, musste Clemens zur Arbeit. Als alter Ministrantenveteran kann ich dazu nur sagen: Gruppenstunde für schwer Erziehbare, obwohl Clemens mir versicherte, dass es normalerweise wesentlich schlimmer zugeht. Okay, es war wirklich halb so schlimm, nur war es wirklich schwierig, die Kinder überhaupt zu verstehen.
Nach dieser sprachlichen Herausforderung stellte mich Clemens vor eine sportliche und hielt mir einen Klettergurt hin. Unerschrocken legte ich ihn an und kletterte erstaunlich schnell die im Jugendclub installierte Kletterwand hinauf. Lange Extremitäten sind nicht nur praktisch wenn man in einem Altbau die Decke streichen will, sie eignen sich auch hervorragend dazu beim Klettern viele Griffe auszulassen und einfach den darüber zu benutzen.
Mit meiner Ausdauer war es allerdings nicht so weit her und nach der vierten Besteigung der Wand begannen meine Unterarme ob der ungewohnten Belastung, zu schmerzen.
Hier in der Kletterhalle lernte ich auch Matt kennen, einen Arbeitskollegen von Clemens. Halbtscheche und Halbschotte. Ein wirklich cooler Typ.
Für alle weiblichen Leser: Die Inkarnation einer Cola-light Werbung.
Für alle männlichen Leser: Mit dem möchte man mal um die Häuser ziehen.
Anschließend lud mich mein Gastgeber noch auf die schottische Spezialität schlechthin ein: HAGGIS!
Ursprünglich wurde Haggis aus dem Magen eines Schafes zubereitet, der mit Herz, Leber, Lunge, Nierenfett vom Schaf, Zwiebeln und Hafermehl gefüllt wurde.
Heutzutage kaufen die meisten Gastronomen Haggis im Kunstdarm, was dem Geschmack allerdings keinen Abbruch tut. Das ganze wird noch ordentlich gepfeffert und schmeckt ganz hervorragen, besonders in der Variante, die wir genossen: Haggis mit Kartoffelpüree, Steckrübenmus und einer exzellenten Whiskysoße. Das Ganze dann auch noch direkt am Firth of Forth in einem idyllischen Ausflugslokal. Auch hier waren die Biere exquisit.
Am nächsten Tag war Mittwoch, oder wie Clemens inzwischen zu sagen pflegt „Einpfundbiertag“. Das bedeutet, dass in einem Pub („The Tron“), das hauptsächlich von Studenten und ähnlichen Gruppierungen besucht wird, ein paar ausgewählte Biere lediglich ein Pfund pro Pint (= 0,5683 l) kosten, was für schottische Verhältnisse konkurrenzlos günstig ist (bei den Preisen ist es ganz natürlich, geizig zu werden, oder kommt da die schottisch/schwäbische Stammesverwandtschaft durch).
Hier spielten Clemens und ich Europareise.
Wir waren in Belgien (Hoegaardens Witbier), in Tschechien (Staropramen), Holland (Grolsch, nicht etwa Heineken, soviel Stolz muss sein), England (Newcastle Brown Ale), ........und nicht zu vergessen Schottland (Tennents, Caledonian, Deuchars). Nicht nur die Bierauswahl war international, sondern auch der dort versammelte Freundeskreis von Clemens: zwei Spanierinnen, eine Französin, eine Zypriotin, eine Deutsche, usw.
Man kann durchaus nachvollziehen, dass Clemens nicht nur wegen des billigen Biers in dieser Lokalität verkehrt.
Das Tron ist dermaßen beliebt, dass sie sogar Türsteher brauchen um nicht überfüllt zu werden. Man muss sich nur mal vorstellen: Eine normale Kneipe mit einer Warteschlange vor der Tür. Ich kam mir richtig schäbig vor, wenn ich mal kurz raus bin um zu Rauchen und danach an der Schlange vorbei wieder in den gemütlichen warmen Pub ging.
Mit dem Nachtbus ging es dann zu späterer Stunde in die Heia.
Ab Donnerstag wurden wir dann dem Spruch „Think global, drink local.“ gerecht, da wir fast nur noch Biere aus der Region konsumierten, was sich größtenteils als echter Glücksgriff entpuppt hat. Nach einer „tour de force“ durch Edinburghs Supermärkte waren sowohl meine Beine als auch mein Rucksack schwer. Es ist immer wieder interessant in einem fremden Land Bier zu kaufen. Auch AfG („Alkoholfreie Getränke“ für Laien) und ganz allgemein Lebensmittel sind faszinierend. Schotten scheinen sich hauptsächlich von Convenience-Produkten zu ernähren. Es gibt unglaublich viele Fertiggerichte, teilweise auch vorbereitete Gerichte in der Kühltheke. Bei den vorgeschnittenen Bratkartoffeln ist sogar das Fett für die Pfanne schon mit in der Tüte. Es gibt sogar eine eigene Discounterkette die auf Tiefkühlkost spezialisiert ist. Wirkt wie eine Mischung aus Eismann/Bofrost und Aldi/Lidl.
Doch nun zurück zum Bier. Der Rucksack war wie gesagt sehr schwer, obwohl wir von jeder Biersorte nur maximal 2 Flaschen hatten aber es waren halt viele verschiedene. Als erstes wurde mal sortiert, da eine „professionelle“ Verkostung ein Schema erfordert. Wir hatten verschiedene Lager, die man am ehesten mit unserem Bier vergleichen kann, da auch sie untergärig sind. Ein großer Unterschied sind allerdings die verwendeten Hopfensorten. Diese werden bei uns nicht angebaut und haben ein völlig anderes Geschmacksprofil. Manche haben ein starkes Zitrusschalenaroma, andere duften nach Waldbeeren also sehr ungewohnt für deutsche Gaumen und Nasen aber nicht uninteressant. Ein Lager mit dem hochtrabenden Namen „Tettnang“ fiel vollkommen durch. Sie verwendeten zwar teuren Tettnanger Hopfen, aber die Weißglasflasche ruinierte das Bier völlig, da das UV-Licht gewisse Hopfeninhaltsstoffe schädigt. Es hat wirklich beschissen geschmeckt.
Auf den britischen Inseln ist auch eher das Ale zu Hause, das übrigens von den Wikingern seinen Namen bekam. Auf altnordisch heißt Bier „Alu“, was auch die Grundlage für das Wort für Bier auf dänisch, schwedisch und norwegisch ist. Ich finde jetzt kein durchgestrichenes o aber es hört sich an wie „Öll“.
Wir hatten viele verschiedene Ales, die alle unterschiedlich schmeckten. Aufgrund des nicht vorhandenen Reinheitsgebotes können auch andere Zutaten zur Bierherstellung verwendet werden. So probierten wir unter anderem Distel-Ale, Heidekraut-Ale und Bananenbrot-Ale! Ein Ale aus Whiskymalz schmeckte zu unserer Verwunderung wie ein süßer Weißwein der bereits oxidiert ist, also ähnlich wie Sherry. Aber das überraschendste war das Seven-Giraffes der Williams Brothers Brewery aus Alloa. Dieses Ale ist mit Holunderblüten aromatisiert und schmeckte so gut, dass wir es noch mal kauften. Die Verkostung wurde durch Youtube-Filmchen unterhaltsam gestaltet. Es gibt wirklich lustige Bierwerbungen und anderen Blödsinn im Internet.
Auch die Kultur kam natürlich nicht zu kurz. So war ein Besuch in einer Gemäldegalerie und zwei Besuche im Royal Museum of Scotland auf dem Veranstaltungskalender. Aber Edinburgh ist auch so sehr interessant, da der Stadtkern überwiegend aus wirklich alten Gebäuden besteht. Es gibt unheimlich viele schöne alte Pubs, in denen man sich irgendwie als Zeitreisender fühlt. Nur die Neon-Becks-Schilder stören ein wenig.
Auch die kulinarischen Genüsse Schottlands haben wir nicht links liegen gelassen. Neben Fish and Chips und dem bereits erwähnten Haggis bietet Edinburgh eine Fülle an fremdländischen Speisen. So zum Beispiel ein erstklassiges Lammcurry mit Gemüse, Reis und Naanbrot in der „Armenküche“ der örtlichen Moschee. Okay Armenküche ist übertrieben, aber es ist für schottische Verhältnisse wirklich günstig. Ein eigenartiges Gefühl im Dezember im Freien von einem Styroporteller zu essen. Clemens trank einen erstaunlich fruchtigen Mangosaft dazu und ich hatte ein alkoholfreies Ingwerbier aus Australien, das phänomenal schmeckte. Ein weiteres Highlight war das sagenumwobene frittierte Mars. Dazu wird ein Marsriegel in Bierteig getaucht und kurz in die Friteuse getaucht. Die Schokolade ist dann geschmolzen und das Karamell ist lauwarm. Ein Nachtisch mit Hüftgoldgarantie. Die von Clemens erwähnte verrückte Version, war mit Salz und Brown Sauce, einer ketchupähnlichen Malzessigsauce. Schmeckte interessant süß/sauer/salzig. Diese Version habe ich mal in einer Doku über ungesunde Ernährung gesehen. Die Bedienung in der Frittenbude kannte sie allerdings noch nicht und sah mich bei der Bestellung sehr ungläubig an. Auch Scottish Eggs sollen hier noch Erwähnung finden. Mit Brät ummantelte hart gekochte Eier werden paniert und frittiert. Lecker. Fast so gut wie das „Full Breakfast“, das Clemens ebenfalls erwähnte. Baked Beans, Bacon, Hashbrowns (Rösti), Sausages und Sunnysideup Eggs (Spiegeleier). Da ich sowieso kein Marmeladenfrühstücker bin, kam mir diese Art des Frühstücks sehr gelegen, vor allem weil es schon fast Mittag war, als wir hingingen. Für Clemens waren aber definitiv die „importierten“ Köstlichkeiten die Besonderheit dieser Woche: Saurer Backschtoikäs und Zwiebelkuchen. Wir kreierten sogar ein neues Wort um die Sehnsucht nach Nahrungsmitteln aus der Heimat zu beschreiben: „Hungweh“. Dieses sogenannte Hungweh war bei Clemens so stark ausgeprägt, dass er den Zwiebelkuchen zu heiß aß, und sich die erwähnte Gaumenverbrennung zuzog. Außerdem verbot er mir bestimmte Worte, wie zum Beispiel „Schwaazwuuscht“ zu verwenden. Es machte aber tierischen Spaß, ihn zu beobachten, wie ihm erst das Wasser im Mund zusammenlief und sich dann die Enttäuschung bemerkbar machte.
Am Freitag waren wir auf einer Party, die in einer Studenten-WG stattfand. Sehr lustig. Getränke musste man selbst mitbringen, was bei den Preisen durchaus verständlich ist. Besonders witzig war, dass Clemens die Gastgeberin eigentlich gar nicht kannte, was aber völlig egal war. Es war auf jeden Fall eine schöne Feier.
Am Samstag waren wir mit ein paar von Clemens’ Bekannten in Glasgow. Sie konnten oder wollten nicht mit uns Schritt halten, also sind wir auf eigene Faust losgezogen. Auf der Suche nach einer Gasthausbrauerei, die ich in einem Prospekt entdeckte, fanden wir leider nur die Ballantines Destillerie. Des weiteren waren wir so ziemlich in jedem Schuhladen in der Innenstadt von Glasgow, da Clemens für den schottischen Winter nur mit altersschwachen Turnschuhen ausgerüstet war und dringend neue Schuhe brauchte. Einen riesigen Bücherladen machten wir auch noch unsicher. Es macht übrigens überhaupt keinen Spaß in Bukarest Bücher kaufen zu wollen, da rumänisch eben nicht auf dem Lehrplan stand. Am Abend waren wir wieder auf eine Fete eingeladen, die wir aufgrund von akuten Faulheitserscheinungen jedoch nicht besuchten. Stattdessen machten wir einen gemütlichen Fernsehabend, wiederum mit einer kleinen Bierverkostung verbunden. Eine Neuentdeckung war ein Ale das ganz extrem nach Vanille schmeckte. Ich bin immer noch am Rätseln, wie die das hinbekommen, da keine Aromastoffe oder ähnliches verwendet wurden. An diesem Abend probierten wir auch das Old Peculiar Stout, welches ebenfalls einen sehr typischen Geschmack aufwies. Am Sonntag fanden wir in einem riesigen 24h Supermarkt neben interessanten Bieren, anderen Getränken (z.B. Eierlikör mit Limonade) und neuen Schuhen für Clemens unter anderem auch Chips/Crisps, die mit dem oben erwähnten Stout aromatisiert waren. Lecker. Bierchips!
Kurz gesagt, Edinburgh ist wirklich eine Reise wert, vor allem mit einem Reiseleiter wie Clemens, der fast immer weiß wann der nächste Bus fährt. Ich denke schon über einen erneuten Besuch bei Clemens nach. Nicht nur, weil ich noch 50 schottische Pfund übrig habe, sondern weil ich
Nach dieser ereignisreichen Woche, in der wir gemeinschaftlich über 40 Biere probierten bin ich am Dienstag den 11. Dezember wieder nach Deutschland geflogen um mich nach einer Nacht in Ochsenhausen ins nächste Abenteuer zu stürzen. 3 Tage Münster und 5 Tage Hamburg.
Im Moment bin ich mal wieder in Rumänien und verpasse die Fasnet. Wenigstens hatte ich in der Nachtschicht genügend Muße um dieses Traktat zu verfassen.
Viele Grüße nach Edinburgh und Ochsenhausen
Udo
P.S.: Falls es jemand langweilig sein sollte: udo.brew@gmx.de



















